Münchner Momente

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Eine ehrliche Liebeserklärung

Ich sehe mich bepackt mit Einkaufstüten an einem dunklen Winterabend die Wege einer einsamen Wohnsiedlung entlangschlittern. Trotz der Nähe zu den Bergen hält man in München von winterlichen Räumungsdiensten nur wenig. Aus dem Dunklen tritt eine Gruppe Halbstarker. Ich wappne mich, hoffe darauf nur ein paar blöde Sprüche über mich ergehen lassen zu müssen. Mein ängstliches Großstadtherz beginnt schneller zu schlagen. Doch entgegen meiner Befürchtungen wird mir der Weg frei gemacht: “Kann ich Ihnen tragen helfen?”

Noch erstaunter denke ich nur an einen anderen Moment zurück. Lockeren Fußes überquere ich eine auf meilenweit autoleere Straße. Von hinter mir fährt es mich plötzlich auf grantel-bayerisch an: “Sünderin!” Klar, die Ampel stand auf rot. Wie konnte ich das nur übersehen. Lächeln muss ich trotzdem: In welchem Leben hätte ich schließlich gedacht, das Überqueren einer roten Ampel ließe sich mit einer Sünde vergleichen.

Das Lächeln hält auch noch an, bei der Feststellung, dass es in keiner anderen Großstadt wirklich OK ist, bereits vor 12 Uhr mittags ein klares, goldenes Helles hinter sich zu haben: Wie kann Bier eine Sünde sein? Im Gegenteil: Nichts belebt die münchnerisch lieblich-freundlich lächelnden Augen mehr als Frühschoppen. Es schärft außerdem den Sinn dafür, Fremden auf Englisch weltoffen den Weg zu erklären und auf rote Ampeln aufmerksam zu machen.

Und speziell für Fremde in der Stadt gibt es dann diesen Moment, der sich nur in München erleben lässt: “Das ging ja jetzt schnell”, “Was? Wir sind schon da?”, “Sieht man dahinten wirklich schon den Olympiaturm?”. Ja, aber keine Sorge, in der kleinen Großstadt entdeckt man auch nach vielen Jahren noch unbekannte Ecken, die zunächst so gar nicht in das Blickmuster passen, das man sich von Minga gebastelt hat.

Da wäre diese eine Straße südwestlich des Hauptbahnhofs. Unwahrscheinlich, dass sich hier ein Zeit- oder Dimensionsportal versteckt, aber trotzdem fühlt man sich plötzlich ganz weit weg. In dem engen Straßenzug staut sich bei Sonnenschein selbst im kältesten Winter die Wärme. Straßencafés wechseln sich mit Obsthändlern ab. Man denkt an Italien, Spanien, Frankreich… München ist eben nicht nur gefühlt die kleinste Großstadt Deutschlands, sondern auch die südlichste.

Außerdem gibt es da noch diesen Münchner Moment, der immer dann passiert, wenn Geld und Aktivismus kulminieren. Mag sein, dass ich mir vor allem, als “glückliche Wahl-Münchnerin aus Berlin”, diesen Zusammenhang erschlossen habe. Jedenfalls trage ich ihn stolz vor mir her: Als Schutzschild gegen alle München-Hater und als Galionsfigur meiner Liebe zu dieser Stadt. Dass München Geld hat und reproduziert ist kein Geheimnis. Dekadente Züge lassen sich angesichts einer solchen wirtschaftlichen Lage nur selten vermeiden. Viel wichtiger ist mir aber, mein Augenmerk auf die kreative und engagierte Energie zu richten, die daraus entspringt. Und dass sie entspringt, spüre ich nicht nur an einer lebendigen Kunst- und Kultur-Szene. Wann immer es hier etwas zu bewegen gibt, wird auch bewegt: Studentenbewegungen, Vereinsgründungen, soziales Engagement, Umweltschutz – Gegen eine konservative Regierung und wirtschaftliche Übermächte lehnt sich nicht nur das junge, dynamische München mit Leidenschaft, Fleiß, viel Kraft und Zeit gerne auf.

Wer als Tourist nach München kommt, dem empfehle ich folgende Orte zu besuchen und dort seinen ganz eigenen Münchner Moment zu erleben:

Erster Moment: Münchner Südfriedhof

Einatmen, Ausatmen, Innehalten mitten im szenigen Glockenbachviertel. Hier kann das Wetter auch noch so schlecht sein: Efeu, Moos, knochig-verzweigte Bäume und eifrige Eichhörnchen machen die Welt sofort freundlicher.

Münchner Momente

Zweiter Moment: Bayern München spielt und man sitzt in der U6 Richtung Allianz-Arena

Warum ich diesen Moment Touristen empfehle? Natürlich weil das Ziel ein Platz im Stadion sein sollte. Außerdem lässt sich in diesen Stunden hervorragend deutscher Ordnungssinn in Form von extra geschulten U-Bahn Personal beobachten. Dank ihnen und der humorvollen Schaffner, deren Witzbarometer jedes Mal zuvor unerahnte Höhen erreicht, bleiben Chaos und schlechte Laune in weiter Ferne.

Dritter Moment: Sommer im Viehhof

Der offensichtlichste Grund für einen Besuch in den Sommermonaten ist natürlich das Freiluftkino. Der tatsächliche Grund, warum sich ein Besuch lohnt, ist aber die Kulisse. Die Mauern des ehemaligen Schlachthofgeländes wurden für Graffiti-Künstler legalisiert. Street Art Fans kommen hier voll auf ihre Kosten. Außerdem gibt es nur wenige Plätze in der Stadt, die so viel Weitblick sowohl in den Himmel, als auch über die Dächer Münchens bieten.

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Vierter Moment: Und plötzlich war da der Gärtnerplatz

Als Fremder in der Stadt kann es einem leicht passieren, dass man beim durch die Altstadt-Tingeln plötzlich an diesen Platz gelangt, auf dem die Menschen irgendwann einmal einheitlich beschlossen haben, trotz ihrer schicken Designer-Klamotten auf dem Boden zu sitzen. Besonders gut ist dieses Phänomen natürlich im Sommer zu beobachten. Dann sammelt sich vor dem Gärtnerplatz Theater alles zu öffentlichen Konzerten oder Filmvorführungen.

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Fünfter Moment: Ein Bad im Müllerschen Volksbad

Wer vom Gasteig zum Isartor läuft, kann ihn schon von Weitem riechen. Der Chlorgeruch steigt einem in die Nase und füllt das Gehirn unweigerlich mit Erinnerungen aus der Kindheit: Schwimmenlernen gehört ja mittlerweile zur menschlichen Grundausbildung in Deutschland. Wer erinnert sich nicht an quietschende Schwimmflügel, Ringe tauchen und vom Chlor gerötete Augen. Trotz dieser Erinnerungen gibt es Menschen, wie mich, bei denen der Geruch von Chlor behütete Gefühle auslöst. Und das Müllersche Volksbad ist ein besonders prunkvoller Ort, um diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Der neubarocke Jugendstilbau lädt dabei vor allem zum stilvollen, anstatt zum Kampfsport-Schwimmen ein.

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P.S. Dieser Beitrag ist im Zuge der Blogparade Münchner Momente auf Muenchen.de entstanden.

Désirée Cornet

Désirée Cornet

Die angehende Drehbuchautorin Désirée Cornet kommt ursprünglich aus Berlin und arbeitet als Online-Redakteurin in München.
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