Berlin erleben wie vor dem Mauferfall

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 Das Übernachten in einem Hostel ist meist wenig spektakulär. Ob im Einzel-, Doppel- oder Gruppenzimmer, die Preise sind meist moderat und der Komfort ist zweckmäßig und für einen kurzen Aufenthalt von einigen Tagen durchaus angemessen.

In einem Hostel zu übernachten kann aber auch zu einem regelrechten Erlebnis werden, so zum Beispiel in einer Berliner Herberge mit dem vielversprechenden Namen Ostel Hostel.

 

Ostel Hostel und DDR-Museum

 

„Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“, zu solch einer politisch motivierten Parole ließ sich einst Erich Honecker, der ehemalige oberste Staatssekretär der DDR, verleiten. Das Ostel Hostel Berlin sieht das wohl etwas anders. Es geht zwar auf eine Zeitreise zurück in die 70er Jahre der DDR, um frühstücken zu können, müssen Gäste allerdings nicht für teure Mangelware anstehen.

 

In dem von außen betrachtet typischen sozialistischen Betonbau kann zwischen Einzelzimmer, Doppelzimmer und einer Ferienwohnung gewählt werden. Die Preise sind moderat und die Ausstattung wie WLAN gängigen Hotelstandards angepasst.

 

Nur die Inneneinrichtung unterscheidet sich erheblich: 70er-Jahre-Standard des damals real existierenden Sozialismus. Blümchen-Tapete, Multifunktionstisch – Kennern auch unter Mufuti bekannt –, das obligatorische Wandportrait des Staatssekretärs und einer Beleuchtung wie aus „Erichs Lampenladen“ (spöttisch für: Palast der Republik). Ob Deckchen, Blumentopf oder Weingläser; sogar auf die kleinsten Details wird wertgelegt.

 

Die Größe der Zimmer variiert je nach Übernachtungspreis. Ob „Stasi-Suite“, ein Zimmer der gehobenen Preisklasse, oder das „Pionierlager“, ein Mehrbettzimmer; für jeden Geschmack ist etwas dabei.

 

Wer nicht genug von der sozialistischen Atmosphäre hat, für den bietet sich ein Besuch im DDR-Museum an, welches sich unweit in der Karl-Liebknecht-Straße direkt an der Spree befindet. Es ist das einzige DDR-Museum in der gesamten Bundesrepublik. Nicht nur tragischen Themen wie Mauer oder Stasi wird sich gewidmet, sondern auch dem alltäglichen Leben des ehemaligen sozialistischen Staates. Eine Führung spricht gar alle Sinne des Besuchers an und macht den Aufenthalt zu einem interaktiven Erlebnis.  Neben einer Neubau-Siedlung im Maßstab 1:20 können auch einzelne Ausstellungsstücke besichtigt werden, welche sogar – für Museen bisher eher untypisch – angefasst werden dürfen. Auch der Geruchssinn kommt nicht zu kurz. An den Exponaten haftet noch der originale Duft der DDR.

 

Auf ganz andere Weise erfährt der Besucher die DDR-Geschichte im Restaurant „Domklause“. Im neben dem Museum gelegenen DDR-Restaurant werden kulinarische Besonderheiten aus dem Alltag des sozialistischen Staates serviert. Zu moderaten Preisen wird nicht nur Broiler oder das bekannte Jägerschnitzel ostdeutscher Art angeboten.

 

Deutsche Demokratische Republik – geschichtlicher Hintergrund

 

Was macht das Hotel denn eigentlich so interessant? Es ist das gefühlte Eintauchen in den Alltag einer politischen Epoche, die Ihr Ende mit der Wiedervereinigung 1990 fand. Auch wenn Hotelgäste ihre helle Freude beim Bewohnen der Zimmer empfinden, darf nicht vergessen werden, dass das heutige Deutschland von 1949 bis 1990 eine geteilter deutscher Staat gewesen ist, die demokratisch-kapitalistische Bundesrepublik auf der einen Seite und der sozialistisch-planwirtschaftlich geprägt Arbeiter- und Bauernstaat auf der anderen Seite.

 

Abschottung der Bürger nach außen – fehlende Reisefreiheit

 

Höhepunkt der Teilung war der Bau der Berliner Mauer am 13.08.1961. Sie wurde zum Symbol der deutschen Teilung sowie des Kalten Krieges. Ein Konflikt zwischen den Westmächten unter der Führung Washingtons und dem von Moskau geführten Ostblock. Die DDR diente der Sowjetunion während dieser Zeit als sogenanntes Bollwerk gegen den Kapitalismus. 

 

Mit dem Bau der Berliner Mauer bekam die offenkundige Unfreiheit der DDR-Bürger ein Gesicht. Nicht nur die Meinungsfreiheit sondern auch die Reisefreiheit war im erheblichen Maße eingeschränkt. Die Flüchtlingswelle in die Bundesrepublik während der 50er Jahre nahm schlagartig ab. Nichtsdestotrotz haben es tausende Bürger bis 1989 auf ihrer Flucht versucht die Mauer zu überwinden. Viele haben diesen Versuch mit dem Leben bezahlt oder wurden über Jahre in Gefängnissen und Zuchthäusern festgehalten.

 

Permanente Überwachung durch den Staat

 

Der Name DDR, Deutsche Demokratische Republik, kann demnach in der Rückschau nur sarkastisch verstanden werden. Demokratisch war dieser Staat bei weitem nicht, er wurde vielmehr autoritär und menschenrechtsverletzend geführt. Ein Beispiel dafür ist der akribisch agierende Sicherheitsapparat der DDR. Die Stasi (Kurzform für Staatssicherheit) drang bis in die hintersten Winkel privater Haushalte vor. Abhöraktionen oder die psychologische Zersetzung von „Staatsfeinden“ war nur die Spitze des Eisberges.

 

Zum Zeitpunkt ihres Bestehens war die DDR nicht das einzige sozialistische Land, welches seine Bürger auf diese Weise unter Kontrolle hielt. Die Securitate in Rumänien, die PIDE in Portugal oder bereits die GESTAPO zu Zeiten des Nationalsozialismus; die Bevormundung des Einzelnen war während des Kalten Krieges nahezu in allen sozialistischen Ländern an der Tagesordnung.

 

„Wir sind das Volk!“ – DDR-Bürger setzen sich zur Wehr

 

Ende der 80er Jahre begann sich das Volk allmählich zur Wehr zu setzen. Den Anfang einer friedlichen Revolution machte die Stadt Leipzig. Von dort breiteten sich die Demonstrationen über das ganze Land aus. Die Parole „Wir sind das Volk“ ist bis heute tief im Gedächtnis der Ostdeutschen verankert. Jeden Montag fanden Friedensmärsche für mehr Freiheit und Selbstbestimmung statt. Die Bewegung erreichte sogar die Kleinstädte und führte am 09.11.1989 zur Grenzöffnung, dem Mauerfall in Berlin. Ein Jahr später, am 03.10.1990 folgte die Deutsche Wiedervereinigung.

 

Trotz aller Tragik laden Alltagsgeschichten aus der DDR mitunter auch zum schmunzeln ein. Filme wie „Sonnenallee“ trugen sicherlich einen Teil dazu bei. Der Anblick strammstehender Jungpioniere hat aus heutiger Sicht schon etwas Tragisch-komisches. Wer mit ein bisschen mehr Abstand auch über die DDR zu schmunzeln weiß, für den ist eine Übernachtung im Ostel Hostel genau das Richtige.

Übrigens: In unserem aktuellen Beitrag zum Berliner Mauerfall, verraten wir außerdem, welche Sehenswürdigkeiten Geschichtsinteressierte auf Berlinbesuch heute nicht verpassen dürfen.

Titelbild: Titel: © Marienborn/Grenzübergang2010, Quelle: Andreas Lippelt auf flickr.com

Christoph Wunderlich

Christoph Wunderlich

Christoph Wunderlich hat Romanistik in Leipzig studiert. Er arbeitet seit 3 Jahren als Online-Redakteur in München.
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